Fast jede und jeder besitzt es: Das praktische Smartphone. Was wahrscheinlich die Wenigsten wissen, ist, dass dafür sehr viele Menschen und die Umwelt im Normalfall ausgebeutet werden und gesundheitlichen Schäden ausgeliefert sind.

Es gibt aber unterdessen Firmen, die Nachhaltigkeit und Smartphones verbinden. In diesem Bericht werde ich die Shift GmbH und ihr #Lovephone vorstellen. Aber erst zu den Problemen, die heutige Smartphones in der Herstellung verursachen.

Das Problem

Über 24 Millionen neue Smartphones werden  pro Jahr von Deutschen gekauft. Mit anderen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), wie es die Deutsche Umwelthilfe in einem Bericht nennt, führen so jährlich 250‘000 Tonnen Geräte zu grösseren Schrottberge und Ressourcenverbrauch.

Kurze Nutzungszyklen

Bis auf mein jetziges Shift 5me habe ich bisher noch kein neues Smartphone besessen. Vielleicht erklärt dies auch, warum ich meine Geräte des Öfteren wechseln musste. Denn irgendwann haben die Dinger einfach nicht mehr richtig funktioniert. Oder es gab keine Software Updates und viele Apps konnten demzufolge gar nicht mehr genutzt werden. Bei einem meiner Samsungs ist das gesamte Display zersplittert. Mit Nagellack habe ich es etwas reparieren können, da die Kosten für den Austausch so hoch waren, habe ich mich anderthalb Jahre mit kaputtem Display herumgequält. Geht, aber ist für viele wahrscheinlich der Grund, sich ein neues Gerät zu kaufen.

Hinzu kommt, dass die Technik ständig Fortschritte macht und das neueste vom Neusten nach einem Jahr nicht mehr neu ist. Dieser Trend, immer das Neuste anstatt langlebigen Geräte zu haben, ist nicht nur für den Benutzer teuer, sondern beutet die Erde und Menschen aus, welche die Ressourcen bereitstellen.

Gold, Silber und Platin

Ich spreche nicht von Eheringen (denn auch diese Thematik ist ein Grund, warum wir keine tragen), sondern von Handys. In den 124 Millionen Handys, die derzeit so in den Schubladen der deutschen Nation verstaubt, befindet sich 2.9 Tonnen Gold und 30 Tonnen Silber. Über 1000 Tonnen Kupfer kommen dazu. Des Weiteren steckt ziemlich viel Kunststoff, Glas und Keramik mit im Smartphone. Hinzukommen die Seltenen Erden (Metalle, die eigentlich gar nicht so selten vorkommen), die vor allem in China durch den Einsatz von Säuren abgebaut werden. Zurück bleibt ein vergifteter Schlamm, der Uran, Schwermetalle, Säuren und Fluoride enthält und in künstlichen Teichen gelagert wird, welche allerdings überhaupt nicht sicher sind. So droht dass das Grund- und Trinkwasser verschmutzt wird und Radioaktivität austreten könnte.

Schreckliche Arbeitsbedingungen

In Südamerika, China und Afrika schuften tausende von Menschen ums Überleben und sind unsicheren Stollen, korrupten Soldaten und härtesten Arbeitsbedingungen ausgesetzt, damit wir unsere Billig-Elektrogeräte kaufen können. Sie sind offiziell zwar keine Sklaven, doch um ihre Familien ernähren zu können und ihre Schulden abzuzahlen, die sie aufnehmen mussten, um einen Hammer und eine Lampe zu kaufen, haben sie keine andere Wahl als sich den Gefahren des Minenbaus auszusetzen. Nicht einmal einen Sicherheitshelm haben die meisten von ihnen.

Die Illegalisierung solcher Minenabbaugebiete ist allerdings auch nicht die Lösung, wie ein Bericht zeigt. Denn so wird die Korruption und „Sklavenarbeit“ nur noch mehr gefördert: Die Menschen brauchen einen Job und verdienen weniger, wenn weniger Transparenz im Spiel ist. Darum gibt es unterdessen einige Verfechter, welche eine Legalisierung und dadurch auch eine sicherere Arbeit ermöglichen (Helme, Stützbalken, bessere Gehalte).

Recycling von Smartphones?

Nur 40 % der Elektrogeräte werden derzeit korrekt recycelt. Vieles davon landet in afrikanischen Ländern – illegal! Im Film „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ wird aufgezeigt, was dann damit passiert. Um an die wertvollen Metalle wie Aluminium, Eisen und Kupfer zu kommen, wird der Plastikmantel einfach verbrannt – draussen, ohne Anlagen mit Filter. Oft sind es Kinder und Jugendliche, die sich so ihr Geld verdienen und dabei giftige Rauchwolken einatmen.

Natürlich sind daran nicht nur die Smartphones Schuld – in Deutschland fallen über 20kg Elektroschrott pro Person und Jahr an. Wenn wir wieder mehr Kreisläufe schaffen würden, müssten weniger neue Ressourcen abgebaut werden. Gleichzeitig könnte man den ehemaligen Minenarbeiter mit Permakultur eine Alternative zum Minenabbau anbieten.

Wissenschaftler sind zum Glück dabei, Verfahren zu entwickeln, in denen es sich lohnt, unsere eigenen „Bergminen“ mit Abfällen zu nutzen. Aber wie lange das geht, ist nicht klar.

Wohin mit alten Handys?

handysfuerdieumwelt.de sammelt alte Handys ein, welche wenn möglich repariert werden, damit sie wiederverwendet werden können. Daten werden professionell gelöscht und falls das Gerät nicht wiederverwendet werden kann, wird es hochwertig recycelt. Die Handys können eingeschickt oder bei Partnern abgegeben werden und helfen so indirekt der Umwelt, denn der Erlös des Projekts geht an Natur- und Umweltprojekte in Deutschland. Gekauft und ebenfalls zur Wiederverwendung eingeschickt werden können Handys auch auf mobile-box.eu. Weitere Möglichkeiten mit gratis Versand sind Teqcycle (hier kann man es sogar noch verkaufen) und handysammelcenter.de, welche beide Partner von Telekom sind.

Lösungen

Smartphones sind praktisch und können vieles erleichtern, sodass zum Beispiel eine kurze Nachricht, dass jemand doch nicht kommen kann, verhindert, dass die andere Person ins Auto steigt und zum Treffpunkt fährt. Viele Apps helfen dabei, die Erde zu einem nachhaltigeren Ort zu machen, in dem man über sie erfährt, wo es Essen zu retten gibt, man kann Tickets herunterladen anstatt ausdrucken und so weiter.

All diese Vorteile haben auch Samuel und Carsten Waldeck gesehen. Sie waren aber nicht glücklich damit, wie die Handys hergestellt werden. Und so beschlossen sie, das erste deutsche und modulare Smartphone zu entwickeln… und zwar so fair und nachhaltig wie möglich.

Sie sehen sich übrigens nicht als Konkurrenten von Fairphone, sondern würden gerne mit ihnen beispielsweise eine Software entwickeln, was sich von Seiten Fairphones bisher noch nicht ergeben hat.

Shiftphone: Veränderung durch zwei Brüder

Die zwei Brüder Carsten und Samuel Waldeck haben das bisher modularste Smartphone entwickelt, ohne dass dabei das Design leiden hätte müssen. Ihr Motto ist es, so viel Gutes zu tun, wie sie können und auf dem Weg dahin so wenig Schaden wie möglich anrichten. Wertschätzung gegenüber den Menschen und der Umwelt steht dabei an vorderster Stelle.

Wie setzt sich der Preis zusammen?

Auf ihrer Webseite ist klar ersichtlich, woraus sich der Preis für ihre Handys zusammensetzt. Bemerkenswert ist dabei, dass 5% an Sozial und Umweltprojekte gehen. Das ist beim Shift 5me über 22 Euro! Also ungefähr so viel wie das Gerätepfand, was Shift als erstes Unternehmen eingeführt hat.

Mit weniger als 0.1 Prozent „fehlt“ ein Budget für Werbung und Marketing. Zudem entnehmen die Geschäftsführer keine Gewinne, sie erhalten einen fairen Lohn, wie alle anderen Mitarbeiter auch. So ist es möglich, ein faires Smartphone zu einem fairen Preis verkaufen zu können. Das Unternehmen orientiert sich übrigens auch an der Gemeinwohlökonomie, welche die Mehrung des Gemeinwohls als oberstes Unternehmerziel und dadurch auch vor finanziellen Gewinnen definiert.

Modularer Aufbau

Während in Iphones nicht mal ein Akku oder eine Speicherkarte ausgetauscht werden kann, ist dies beim Shiftphone neben vielen weiteren Teilen möglich und gewünscht. In der mit Biofarben bedruckten Kartonverpackung jedes Gerätes befindet sich der passende Schraubenzieher dazu. Was schneller getauscht werden muss, ist am einfachsten erreichbar. Ersatzteile kann jede/r Kunde/in bestellen und die Reparatur selbst umsetzen. Für Technikfreaks ermöglicht dies auch bessere Module, wie beispielsweise eine neuere Kamera einzusetzen, ohne sich ein komplett neues Handy kaufen zu müssen. Denn je weniger Elektroschrott und neue Ressourcen, desto nachhaltiger wird das Gerät.

Faire Arbeitsbedingungen

Wie in diesem Bericht von Galileo gezeigt wird, hat Shift sich dafür entschieden, eine kleine Technologiemanufaktur in Hangzhou (China) aufzubauen, da die Manufaktur in bestehenden Unternehmen nicht zu den Vorstellungen der Waldecks passten. So aber können sie faire Löhne, Krankenversicherungen und ein angenehmes Arbeitsklima für ihre Mitarbeiter bieten. Es gibt keine Gründe einen Mundschutz tragen zu müssen. Stattdessen werden bei Tageslicht am Holztisch Module zusammengesteckt. Warum aber in China herstellen und nicht in Deutschland? Auch hierzu hat Shift sich Gedanken gemacht:

„Die Antwort ist, dass es derzeit tatsächlich der Umwelt zuliebe sehr viel nachhaltiger ist, in China zu fertigen. Vorprodukte von SHIFTPHONES sind vor allem empfindliche Bauteile wie Platinen, Displays, Kameras, ICs und Sensoren. Diese müssten aufwendig verpackt und klimakontrolliert per Luftfracht exportiert werden und würden somit sehr viel mehr Volumen, Gewicht und Verpackungsmüll produzieren. Nahezu alle wichtigen Teile kommen aus dem asiatischen Raum. So ist es wesentlich sinnvoller, unsere Vorstellungen von fairer Produktion nach China zu bringen und nicht alles andere zu uns.“ (Wirkungsbericht, Shift)

Doch nicht nur den Chinesischen Mitarbeitern soll es gut gehen. Die Geschäftsführer legen hohen Wert darauf, nicht wie bei anderen Unternehmern das 70-fache des Durchschnittsgehalts der Firma zu verdienen. Bei ihnen ist es nicht einmal das Doppelte.

Metalle aus Minen

Carsten hat sich die Minen im Kongo angeschaut und auch Zentren, wo ausgebeutete und geflüchtete Arbeiter betreut werden. Diese Bilder bekommt man nicht so schnell aus dem Kopf, auch wenn man sich nur eine Doku dazu anschaut.

Anstatt Coltan werden keramische Kondensatoren verwendet. Zinn und Gold stammen aus ecofair-zertifizierten Minen. Und auch beim Rest arbeiten sie Stück für Stück daran, nachhaltige und faire Quellen zu finden, um Transparenz in der Lieferkette aufzubauen.

Warnung vor zu langer Nutzung technischer Geräte

Auf der Rückseite des Shiftphones und beim Aufstarten des Gerätes erscheint der Hinweis: „Warning: smartphones can be timekillers. There is no greater gift for you today, than the next 24 hours. Use them wisely. People are more important than machines.” (Deutsch: Warnung: Smartphone können Zeitverschwender sein. Es gibt kein grösseres Geschenk für dich als die nächsten 24 Stunden. Verwende sie weise. Menschen sind wichtiger als Maschinen.)

Genau diese Einstellung habe ich auch, was mir das Unternehmen umso sympathischer macht.

Die Ideen hinter Shift sind übrigens nicht patentiert – damit viele weitere Unternehmen eingeladen werden können diese Ansätze anzuwenden und weiterzuentwickeln.

 

Zero Waste Handys: Refuse, reduce, reuse, repair, return & recycle

Das erste Smartphone mit Pfand (22 Euro): Shiftphones können vom Kunden zurückgeschickt und als Second-Life Geräte weiterverwendet werden oder, falls es nicht mehr gerettet werden kann, die funktionierenden Teile entnommen und für die Reparatur anderer Geräte verwendet werden. Defekte Teile sowie Kunststoffe werden recycelt und für neue Shiftphones wiederverwendet.

Fazit: Ein Unternehmen, was hoffen lässt

In der heutigen Debatte vom Klimawandel und wie es anders ginge, sind Unternehmen wie Shift für mich ein Zeichen der Hoffnung. Es zeigt einmal mehr, dass die Lösungen alle schon da wären und nur darauf warten, umgesetzt zu werden. Es zeigt auch, dass es schon ganz viele Menschen gibt, denen ein nachhaltiges, faires Smartphone wichtig ist und die sich wahrscheinlich nicht nur über Technik, sondern auch anderen essentiellen Sachen Gedanken machen. Und dazu zähle auch ich mich. Danke, Samuel und Carsten, damit ihr den Mut hattet, ein solches Unternehmen aufzubauen und danke an alle, die daran mitarbeiten.

PS: Ihr Wirkungsbericht liest sich fast wie ein Buch – es ist spannend, informationsreich und man spürt förmlich die Liebe für die Produkte.

PPS: Wer es interessiert, warum ich Werbung für ein Smartphone mache – ich sehe die Zukunft der Erde nicht darin, überhaupt nie wieder irgendetwas zu konsumieren, sondern im Schaffen von Kreisläufen und im überlegten Kaufen, respektive Produzieren Berge von Müll und Ausbeutung von Mensch, Tier, Pflanzen und der Erde zu vermeiden. Deswegen habe ich mich mit Shift vernetzt und Samuel hat sich meinen Blog angeguckt. Da er viele Gemeinsamkeiten festgestellt hat (sie wollen beispielsweise auch einen Laden mit unverpackten Lebensmitteln in ihrem Dorf aufbauen), habe ich ein Shiftphone zum Testen zugeschickt bekommen. Ich werde also nicht bezahlt, diesen Artikel zu schreiben.