Die Kunst des Annehmens

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Die Kunst des Annehmens

2018-05-17T06:16:40+00:00Mai 17th, 2018|Selbstliebe, Spirituell|

Diese Woche lag ich mit gezerrten Schulternbänder im Bett. Das war wohl ein Sparren zu viel herumgehoben beim Tiny House Bauen. Ich konnte mich kaum bewegen. Nur den Kopf zu drehen, bereitete mir schon Schmerzen. So ist das also, dachte ich mir, auf andere angewiesen zu sein. Hatte ich seit meiner Säuglingszeit nicht mehr erlebt.  Und Felix versorgte mich so führsorglich und liebevoll, dass ich einfach nichts hätte tun müssen. Ich hätte es bloss annehmen können. Tja, wenn das so einfach wäre.

So stand ich tränengerührt in der Küche, während er ein leckeres Nachtessen auf den Teller zauberte. Es war ein wunderschönes Gefühl, jemanden zu haben, der für einen da ist, in guten und in schlechten Zeiten, wie man so schön sagt. Warum kann ich das denn nicht annehmen?

Während Felix am Tag arbeiten ging, durfte ich einfach nichts tun, einen Film gucken, schlafen und die spirituelle Ursache für meine Zerrung herausfinden zu versuchen.

Der „Ich kann es niemals zurückgeben“-Glaubenssatz

Ein Glaubenssatz, den ich mir eingeprägt hatte, ist, dass ich es niemals zurückgeben kann. Mein Ego versuchte mir klar zu machen, dass ich Felix jetzt etwas schuldig bin, was ich ihm nicht zurückgeben kann. Als ich Felix auf meine innere Zerrissenheit (kein Wunder hatte ich eine Zerrung) ansprach, sagte er: „Aber du würdest doch genau das Gleiche tun, wenn es mir nicht gut ginge? Das hast du ja auch schon gemacht…“. Ja, ich würde mich genauso um ihn kümmern, so wie ich es früher auch schon mit kranken Familienmitgliedern getan hatte. Und ich sah, dass er es mit Liebe tat und sich gerne für mich einsetzte. Ich würde das gleiche empfinden, ich würde mich nicht gezwungen fühlen, sondern Geben, was ich kann. Warum kann ich denn nicht annehmen, wenn es eben mal Zeit zum Annehmen ist? Der darunterliegende Glaubenssatz ist ziemlich einfach zu erraten…

Der „Ich habe es nicht verdient“-Glaubenssatz

Ich kann es geben, aber nicht annehmen. Aha. Das tönt, als ob sich da jemand wieder mal mit Selbstliebe beschäftigen sollte… denn Annehmen und Geben sind wie Ying und Yang, wie Sonne und Regen. Es braucht beides. Und etwas nicht annehmen zu können, weist darauf hin, dass man es sich auch nicht gönnt. Das wiederum weist darauf hin, dass man sich nicht so liebt und akzeptiert, wie man ist. Ha, es läuft immer aufs Gleiche raus…

Denn wer sich liebt, der gönnt sich auch nur das Beste. Das ist nicht egoistisch gemeint, denn man wünscht auch den anderen nur das Beste. Wir sind alle verbunden, alle eins.

Und so führt die Kunst des Annehmens einen zuerst zur Annahme der eignen Person. Kann ich mich so annehmen wie ich bin? Kann ich auch meine Schatten akzeptieren? Denn da liegt auch die Ursache meiner Zerrung. Die zwei Hälften wurden wortwörtlich auseinandergezerrt. Doch beides darf da sein und hat seinen Platz. Ja, ja, ist einfacher gesagt, als getan, ich versuche diese „Theorie“ auch gerade anzuwenden und werde wohl noch länger dabei sein, das Leben ist eben ein Prozess.

Liebe ich mich, so wie ich bin?

Letztens habe ich mir Gedanken zu meinem Bauch gemacht, der mir einfach immer etwas zu viel Fett dran hat. Ich dachte immer, ah ja, wenn ich dann am Bauen bin und etwas Gewicht verliere, dann kann ich meinen Bauch lieben. Wenn dies, wenn jenes. Bis mir dann während des vielen Herumliegens bewusst wurde, so funktioniert Liebe nicht. Ich muss ihn so lieben wie er jetzt ist, egal ob mit oder ohne Fett. Und wenn ich das tue, dann ist meine Liebe nicht konditionell, sondern ist einfach.

Das andere wäre ja, wie ich einem Partner sagen würde, ich liebe dich, aber erst dann, wenn du 5 Kilos weniger wiegst, oder wenn du dieses T-Shirt nicht mehr trägst oder nicht mehr Fingernägel kaust. Das ist doch keine Liebe. Das ist eher Erpressung. Ich will meinen Bauch nicht erpressen.

Und schon komme ich zur nächsten Frage: Wie liebe ich etwas, dass ich (noch) nicht liebe?

  • Bewusst werden

Der allererste Schritt ist schon gemacht, wenn man sich die Frage stellt: Sich bewusst werden, was jetzt ist. Ich kann mich nicht so annehmen wie ich bin und ich kann folglich auch Dinge von aussen nicht annehmen. Wie innen so aussen…

  • Akzeptieren was jetzt ist

Tja, und dann? Ich kann meine Liebe für meine Bauch nicht auf Knopfdruck anmachen. Anstatt sofort alles lieben zu müssen, was wir noch nicht lieben, können wir einfach erst mal Akzeptieren, dass es so ist wie es ist. Ich kann akzeptieren, dass ich mich momentan nicht vollkommen liebe und Schwierigkeiten habe, Dinge anzunehmen.

Diese Akzeptanz wechselt den Fokus von „ich mach etwas falsch, ich kann etwas noch nicht gut genug“ zu „es ist, wie es ist und das ist okay so“. Es nimmt somit dem Ego, der Selbstzerstörung den Wind aus dem Segel. Es öffnet die Tore zur Liebe.

Im Akzeptieren des jetzigen Zustandes kann man somit auch gleich das Annehmen üben. Sich so annehmen, wie man ist. Auch wenn das nicht dem Ideal entspricht, welches wir vielleicht von uns im Kopf herumschwirren haben.

Akzeptieren heisst übrigens nicht, alles so hinzunehmen wie es ist, ohne etwas zu verändern. Es heisst bloss, sich der Situation nicht zu verweigern. Denn rückgängig können wir auch mit grösstem Willen nichts. Und in dem man die Situation annimmt wie sie ist, verweigern wir uns nicht der Energie, die es braucht, eine Veränderung herbeizuführen.

  • Das grosse Ganze sehen

Manchmal verlieren wir uns irgendwo in Details und Einzelheiten. Wie oft hatte ich schon auf eine Situation zurückgeschaut und gedacht „Mit etwas Abstand betrachtet, waren diese Probleme so klein“. Das heisst nicht, dass man sich und die eigenen Gefühle nicht ernst nehmen sollte. Aber manchmal tut ein kleiner Perspektivenwechsel ganz gut. Wie wichtig ist es in einer Woche, in einem Jahr, in zehn Jahren?  Was kann ich daraus lernen? Was kann ich daraus gewinnen?

  • Ein Berg zu erklimmen, braucht viele kleine Schritte

Denk dran, das niemand einen Berg mit einem einzigen Schritt erklimmen kann. Dafür brauchst du starke Füsse, Ausdauer und den Mut, den ersten Schritt zu wagen. Ich muss nicht von heute auf morgen mich und die ganze Welt aus tiefstem Herzen lieben können. Aber ich kann heute den ersten Schritt machen. Und bevor man sich’s versieht, summt man eine Wandermelodie, geniesst die Natur um sich herum und die Aussicht – auch wenn man ein tiefes Thal durchwandern muss… es geht auf beiden Seiten wieder hoch.

Nachdem ich diesen Artikel geschrieben habe, sind meine Schultermuskeln fast schon geheilt. Das ist die Kraft der Liebe, des Bewusstseins und der Lohn, an sich selbst zu arbeiten. Nur noch ein leichtes Ziehen ab und an, erinnert mich daran, dass ich vor zwei Tagen noch immobil auf dem Rücken lag. Ich habe es akzeptiert. Und etwas mehr über mich gelernt.

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